Christoph Schambach • Komponist

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Zum heutigen Musikschaffen

Schönbergs Denkfehler und die damit ver­bun­dene Geschichte einer Fehl­ent­wick­lung

1. Musik ist Unterhaltung!

Unterhaltung insofern, als dass Musik[1]  die einzige Kunstform ist, die auf Zeit angewiesen ist. Zeit ist der alles entscheidende Faktor, der Musik erst möglich macht. Weder bildende Kunst, noch irgendeine andere, ist zeitabhängig. Musik wird erst zu Musik, wenn ihre benötigte Zeit beginnt, läuft und endet. Sie ist die abstrakteste aller Kunstformen, da sie von materiellen Dingen losgelöst und auf die Assoziationen des einzelnen Hörers angewiesen ist. Man kann sie nicht erzählen, da sie stofflich nicht fassbar ist.

Hanns Eisler sagte einmal den schönen Satz: "Erzählte Musik ist wie ein erzähltes Mittagessen!" (Es mag der Einwand kommen, Filme seien auch von Zeit abhängig. Das ist insofern nicht richtig, als dass der Film angehalten werden kann und man ein Bild vor sich hat. Davon abgesehen, kann man den Inhalt von Filmen erzählen. Das ist bei Musik nicht möglich.)

Sie hat die Funktion, den Hörer für einen gewissen Zeitraum vom Alltag zu befreien. Das schließt nicht aus, dass sie anstrengend und anspruchsvoll sein kann.

2. Musik als Bestandteil der Natur

Musik ist ein natürliches physikalisches Phänomen, das mit der Schwingungs­lehre erklärbar ist. Alles in der Natur basiert auf Spannung und Entspannung. Aus diesem Grund hat sich im Laufe der Menschheitsgeschichte eine grundtonbezogene Musik entwickelt. Der Grundton als Entspannungsmoment, egal in welchem Kulturkreis. Mir ist keiner bekannt, bei dem das nicht zuträfe. Man denke beispielsweise an ein australisches Didgeridoo oder das ihm wesensverwandte Alphorn auf der anderen Seite des Erdballs. Der Grundton, wie das Wort schon sagt, ist Dreh- und Angelpunkt, Ursprung und Ende, Alpha und Omega.

Der Hörer wird erst eine gewisse Befriedigung empfinden, wenn nach einem Spannungsaufbau die Auflösung eintritt. Somit erklingt ein Grundton oder (trugschlüssiger) Akkord. Das gilt sowohl für Volksmusik, als auch für sinfonische Werke. Unabhängig davon, inwieweit sich der Komponist innerhalb eines Satzes von der eigentlichen Grundtonart entfernt.

3. Schönberg – ein Kind seiner Zeit, kein Visionär

Offenbar war Arnold Schönberg etwas hilflos, als er um 1906 anfing, sich Musik "auszudenken", die keinen Grundton mehr hatte. Das Bemühen, immer etwas "Neues" hervorbringen zu müssen, musste zu diesem Gedanken führen. Was sollte auch Neues kommen, nachdem Gustav Mahler (sowohl in harmonischer wie auch in besetzungstechnischer Hinsicht) alles bis an die Grenzen ausgereizt hatte? Ich vermute, der Gedanke der Gleichberechtigung aller Töne wäre Schönberg nicht gekommen, hätte er auf die Stärke seiner Kreativität vertraut. Die Gleichberechtigung aller Töne zueinander endet zwangsläufig im Tohuwabohu, da es nichts mehr gibt, um das es geht. Schuld daran war der Glaube an den Fortschritt der Wissenschaft und Technik in jener Zeit. Was sich einige Jahre später, um 1912, in dem Wort Zwölftontechnik manifestiert! Auch alle anderen Kunstrichtungen waren von diesem Gedanken beeinflusst.

Neues hervorbringen heißt nicht zwangsläufig, dass alles immer komplizierter werden muss.[2] Das hätte Schönberg schon erkennen können. Er hätte nur etwa 150 Jahre zurückblicken müssen. Die Komponisten der frühen Klassik haben begriffen, dass die Komplexität der Kompositionstechnik eines Johann Sebastian Bachs kaum zu übertreffen ist. Er war es, der die Grundlagen für unsere heutige Musiksprache, bis hin zum Jazz, geschaffen hat. Zwar ist in technischer Hinsicht die Klassik, gegenüber der komplizierten Polyphonie Bachs, einfacher. Aber niemand wird bezweifeln, dass es nicht auch hier künstlerisch vollendete Werke gibt. Das Eine hat mit dem Anderen nichts zu tun. Es geht um Individualität! Es haben sich, nach der "Erfindung" der Zwölftontechnik, interessanterweise nur die Komponisten in den Konzertsälen durchgesetzt, die sich um diese Technik nicht gekümmert haben. Wie oben erwähnt, spreche ich von absoluter Musik, nicht von illustrativer und kommentierender Musik.[3] Hier kann atonikale Musik ihren Zweck erfüllen.[4]

Wenn man bedenkt, in welches Korsett man sich zwängen muss, um immer erst dann wieder eine Tonhöhe verwenden zu dürfen (!), wenn alle anderen Halbtöne erklungen sind, kann man sich leicht vorstellen, dass für künstlerische Freiheit und Kreativität nicht viel Platz bleibt. Insofern ist es nur folgerichtig, von einer Technik zu reden. Mit Schöpfertum hat das nicht viel zu tun. Das Ganze erinnert mich an ein bekanntes Wortlegespiel. Wobei dieses Spiel den Vorteil hat, nicht auf nur zwölf Buchstaben angewiesen zu sein, sondern auf insgesamt immerhin 30.[5] Dabei kommt es nicht einmal darauf an, jeden Buchstaben erst wieder zu verwenden, wenn alle 29 anderen "verbraucht" wurden. Wie schwer ist es bei diesem Spiel, sinnvolle Wörter zu bilden. Um wie viel schwieriger wird es, wenn man von vornherein weniger als die Hälfte der 30 Möglichkeiten hat und das bei einer Kunstart, die ohnehin keine konkreten Inhalte vermitteln kann! Es kann nur darum gehen, so sehr den Drang zu verspüren, gestalten zu müssen, dass demgegenüber schon das Wort "Technik" belanglos wird.

4. Meister und Trittbrettfahrer

Leider muss ich durch das Studieren so mancher zeitgenössischen Partitur den Verdacht äußern, dass sich hinter einigen dieser "Meister" Scharlatane verbergen. Sie werden dennoch gespielt. Als Programmveranstalter muss man keine Angst haben, sich künstlerisch zu weit aus dem Fenster zu lehnen. Die Öffentlichkeit nimmt von diesen Werken ohnehin kaum Notiz. Man sieht es an den traurigen Besucherzahlen jener Konzerte, worin eine gewisse Verantwortungslosigkeit dem Konzertbesucher gegenüber liegt. Es sollte bedacht werden, dass es viele Zuhörer gibt, die es sich nicht ständig leisten können, teure Konzertkarten zu erwerben. Für sie ist der Konzertbesuch ein besonderes Erlebnis. Insoweit sollten Komponist und Konzertveranstalter "Dienstleister" sein. Sie müssen dem Publikum für teuer bezahlte Karten die Möglichkeit geben, den oben erwähnten Alltag zu vergessen. Ohne sich dabei künstlerisch zu verkaufen. Ich glaube nicht, dass Tschaikowski mit seinen Ballettmusiken (die zum größten Teil auch als reine Konzertmusiken aufgeführt werden) die Welt verbessern, sondern den Menschen eine Freude bereiten wollte. Unterhaltung auf höchstem Niveau!

5. Die Notwendigkeit der Schönheit als Mittel künstlerischen Ausdrucks

"Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch."

Zu diesem bekannten Satz Adornos möchte ich ein paar Gedanken äußern.

Er ist in einer Zeit formuliert worden, in der in unmittelbarer Vergangenheit unvorstellbar Grauenhaftes passiert ist. So Grauenhaftes, dass er, der es selbst nicht erlebt hat, vorsichtig mit so einer Äußerung sein sollte. Sie steht ihm insofern nicht zu, als dass nur Menschen, die den Holocaust erlebt haben, dazu berechtigt sind, darüber zu entscheiden, was für sie richtig sei und was falsch. Alles andere ist trivial und geschmacklos. Wer es nicht selbst erlebt hat, kann es sich gar nicht vorstellen. Schon deshalb sollten wir, die es nicht erleben mussten, darüber zutiefst dankbar sein. Das Einzige was uns (mit künstlerischen Talenten gesegneten) Menschen bleibt, ist zu versuchen, etwas Trost zu spenden und ein wenig Empathie zu zeigen.

Das ist zu allen Zeiten möglich gewesen.

Paul Celan hat mit seiner "Todesfuge" bewiesen, mit welch beeindruckenden Worten und tiefem Kunstsinn es möglich ist, dieses scheinbar unbeschreibliche Leid doch zu beschreiben. Und das nicht allzu lange nach dem Holocaust und etwa in der Zeit, in der Adorno seinen Satz äußerte. Damit führt Celan, der selbst ein Opfer war, diesen völlig ad absurdum. Celan, der bei diesem Irrsinn selbst den allergrößten Teil seiner Familie verloren hat, findet die Kraft, seinen Leidensgenossen Trost zu spenden. Welch menschliche Größe, an der er schließlich selbst zerbrach.

Es sei an Grünewalds "Isenheimer Altar", Boschs "Garten der Lüste", Dix' Triptychon "Der Krieg" erinnert. Diese Liste ließe sich unendlich fortführen.

Von Bachs Passionen und Mozarts "Requiem" ganz zu schweigen.

Ich frage mich oft, woher diese Meister die intellektuelle Größe und den inneren Abstand haben, das Leid so erschütternd darstellen zu können, ohne peinliche Gefühle hervorzurufen.

(Peinliche Gefühle insofern, als dass mir die Machart eines Werkes wie z.B. "Ein Überlebender von Warschau" zu direkt und plakativ ist. Damit wirkt es belehrend und moralisierend. Es erinnert mich eher an Agitation und Propaganda. Auch Schönberg hat im Exil diese furchtbare Zeit verhältnismäßig schadlos überstanden.)

Offenbar vermögen die großen Meister eine Abstraktion zu schaffen, die es allen Rezipienten ermöglicht, sich aus dem Gehörten und Gesehenen ihre eigene Welt zu schaffen. Eine Welt, die nicht teilbar ist, da sie die intimsten Seiten in einem selbst anspricht.

Es sei mir gestattet, folgende Vermutung auszusprechen: Ich glaube, mir vorstellen zu können, dass es so manchem Überlebenden von Warschau lieber gewesen wäre, Mozarts "Requiem" zu hören, statt Schönbergs "Ein Überlebender von Warschau". Womit ich Schönberg weder Empathielosigkeit vorwerfen noch unehrliche Absichten unterstellen möchte! Ich nehme Schönberg sehr ernst. Ich vermute allerdings, dass er mit seinem Anspruch, Leid und Schrecken auszudrücken, über das Ziel hinausgeschossen ist. Damit hat er die oben erwähnte Abstraktion verfehlt, obwohl seine Musik handwerklich abstrakter ist.

6. Schönbergs Denkfehler

Wie konnte Schönberg nur ein so kolossaler Irrtum unterlaufen? Sich selbst, auf dem Weg zu einem großen Künstler, dermaßen zum Technokraten seines "Handwerks" zu degradieren. Bedenkt man, was er als junger Mann für leidenschaftlich Werke[6] schrieb, ist es noch unverständlicher, wie er zum gefühlstoten Rechner akustischer Frequenzen verkommen konnte! Er hätte nur ein paar Jahrzehnte warten müssen, bis pfiffige Programmierer ihre Computer mit seinen Zwölftonreihen gefüttert hätten, um so in sehr viel kürzerer Zeit zu den gleichen Ergebnissen zu kommen.

Zugegeben, wäre Schönberg nicht auf diesen Gedanken gekommen, wäre es jemand anderes gewesen.

Macht nicht das Gefühl, das Musik auslösen kann, sie erst zu dem, was sie ist? Was, außer Emotionen und "Bilder im Kopf" auszulösen, kann Musik noch? Nichts, denn das ist genügend. Und ihr Zweck. Sie ist durch ihre einzigartige Abstraktheit in der Lage, jedem persönlich die Möglichkeit zu geben, dem irdischen "Hier und Jetzt" für einen kleinen Moment zu entkommen! Ohne es teilen zu müssen und zu können.

Gefühle kann man nicht errechnen. Man kann gewisse emotionale Reaktionen abschätzen und berechnen, aber auch hier reagiert jeder Mensch individuell anders. Es liegt eine Fehleinschätzung vor, davon auszugehen, die menschliche Seele sei eine technische Rechenmaschine, die immer zu den jeweils gleichen Ergebnissen kommt. Wäre es so einfach, ließen sich viele menschliche Konflikte im Vorfeld ausschließen.

Dem ist nicht so. Mich beängstigt der gefühlstote Gedanke dahinter. Technokratie mangels Phantasie und Kreativität. Reine Mathematik ist künstlerisch nicht nachvollziehbar, da sie keine künstlerischen Ziele verfolgt. Musik schon.

Mozart schrieb in einem seiner Briefe, dass er nur an Musik glaube, die singbar sei, und sei es die letzte Bratschenstimme. Zwar polarisiert er hier, aber jedem wird klar, was er meint: Musik muss nachvollziehbar sein. Woraus man erkennt, dass es schon vor über zweihundert Jahren ähnliche Überlegungen gab.

Es geht um den Wiedererkennungsprozess. Mir ist jeder Popsong oder Schlager lieber, den ich noch nach Wochen im Ohr habe, als ein neutönerisches Werk, bei dem beim letztverklungenen Ton nichts vom Ganzen in Erinnerung bleibt.

Interessant wäre auch folgendes Experiment: man nehme ein fachkundiges Publikum und spiele ihm ein zwölftönigen Streichquartettsatz von um 1920 und ein heute komponierten zwölftönigen Streichquartettsatz vor. Welcher Satz ist von wann und wem? Ich vermute sogar, dass der heutige Satz, und sei er erst vor fünf Jahren komponiert, vom Komponisten selbst nicht ohne weiteres wiedererkannt würde. Was heißt dann zeitgenössische Musik? Hier liegt die wahre Stagnation: über einhundert Jahre keine wirkliche Entwicklung.

Ich hoffe, ich habe mit den hier dargelegten Gedanken dazu beigetragen, eine Diskussion in Gang zu setzen, die es ermöglicht, zu den Wurzeln unserer so einzigartigen Kunst zurückzukehren!


[1] Wenn im Folgenden von "Musik" die Rede ist, ist immer absolute Musik gemeint, d.h. Musik als rein akustisches Phänomen, losgelöst von konkreten Inhalten, es sei denn, ich nenne explizit andere Werke.

[2] In diesem Zusammenhang sei nur auf einige Kompositionen von Arvo Pärt hingewiesen

[3] z.B. für den Film oder die Oper

[4] Ich spreche bewusst von atonikaler statt von atonaler Musik, da Musik immer an Töne gebunden ist

[5] Mit Umlauten und ß

[6] z.B. "Verklärte Nacht"

 

Schwierigkeitsgrade

hier gelisteter Werke

1 ganz leicht (Anfänger)
2 leicht (Laienmusik)
3 Amateurmusik
4 Liebhaber
5 Musik für Profis
6 extrem schwierig

werden di­rekt bei den Kom­po­si­tio­nen an­ge­ge­ben.

 

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